Montag, 30. März 2020

Rezept

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
geht es um dich oder ihn.
Dein eignen Schatten nimm
zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruss mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiss deine Pläne. Sei klug
und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.

Mascha Kaléko 


Dieses Gedicht, ist es nicht wie gemacht für diese Zeit? Wir haben Angst und manchmal gesellt sich zu der Angst noch die Angst vor der Angst. Wir lernen aber auch spätestens jetzt die andere Seite kennen. Wir flicken unseren Zaun, wir gehen doch dann und wann raus, allein schon um einzukaufen und manchmal auch, um ein Zeichen zu setzen, so wie die singenden Menschen auf den Balkonen, wie Menschen in Appenheim, die einen Schatz verstecken, wie Pfarrer Lotz, der musiziert auf dem Dalles, wie ganz viele Andere, die mit wundervollen Ideen versuchen, gegenzuhalten. 

Gestern war ich nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder in Engelstadt und habe einige Briefe geschrieben und ausgefahren an Familien mit Kindern und einige Jugendliche. Nicht allen konnte ich schreiben. Es war ein erster Versuch. Wie so vieles gerade. Wie dieser Blog, wie die Youtube-Videos. Am meisten freue ich mich dann, wenn es die Leute berührt, wenn sie sich freuen. Gestern kamen ein paar Nachrichten, dass die Leute froh sind und nun basteln mit dem Bastelmaterial, dass es im Kindergottesdienst gegeben hätte und die Samen säen, die im Brief waren.

Mascha Kaléko war Jüdin im zweiten Weltkrieg. Ihr zu Ehren schicke ich ein Bild mit von der Synagoge von Dornum in Ostfriesland. 



1 Kommentar:

  1. Mascha Kaléko ist einfach Klasse und die Zeilen passen gerade wie Faust aufs Auge! Herzlichst bjmonitas

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